Tagebuchaufzeichnung anno 1945

„Werden wir je wieder normale Menschen werden? Wie ein Stück Dreck hat uns diese Zeit in ihre blutigen Fäuste genommen und uns hineingeklatscht in das Grauen, den Sadismus, den Wahnsinn.

Einer kriecht auf allen Vieren vorwärts, bleich im Entsetzen vor dem nahenden Ende. Niemand achtet darauf, nicht der nächste Nebenmann. Jeder kennt nur sich, fühlt nur dumpf die eigne Qual. Sein furchtbares Leiden betäubt ihn, Tag und Nacht.

Wie gut, daß ihr daheim nicht wißt, wie furchtbar wir unsere Qual durch die Stunden tragen. Eure armen, geschwächten, ängstlich horchenden Herzen müßten daran zerbrechen.”

Franz Ballhorn, KZ Sachsenhausen; aus: Walter Kempowski, Das Echolot Abgesang ‘45, Ein kollektives Tagebuch, btb Verlag, Seite 163 f., Abdruck in der Dokumentation der Kollektiven Performance 24-29-3-45 (2012) mit freundlicher Genehmigung des Albrecht Knaus Verlags, München.

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Soll bleiben, kann doch nicht

Trauerweide

Nach einer Geschichte von Josef Burg

Finkhofwolle, Holz aus den Bergen der Madonne de Fénèstre/Frankreich, Brennesselgarn

Januar 2009
133 x 133 cm

In der Geschichte versuchen Menschen, eine alte Weide davor zu bewahren, in einen reißenden Fluss zu fallen. Zu alt ist die Weide, zu viel hat sie gesehen. Sie soll bleiben, und kann doch nicht.

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Judas

als ich war / einer von euch

– Installation aus Finkhofwolle, Brennesselgarn,
Glimmersteinen zur Rolle des Judas –
2011

Judas hing einige Wochen lang vor der Kirche am Baum.
Die Glimmersteine waren vor den Altar geworfen.

Einige Wochen vorher fragte mich ein Freikirchler,
ob ich etwa der Meinung sei, dass Judas im Paradies weilt?

Ich weiß es nicht und es geht mich auch nichts an., sagte ich damals.
Das Gespräch war zum Glück schnell beendet.
Aber ich bekam noch zu hören, Judas müsse in der Hölle schmoren.
Das sagt ein evangelischer Freikirchler.

Gott ist bedingungslose Liebe. Die Reformation der Herzen bedeutet, endlich die Konsequenzen daraus zu ziehen.

 

 

 

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Dein Herz

Weites Herz

Finkhofwolle, Haselzweig
November 2013

Ein Mensch mit einem weiten Herzen,
das dieser jedoch verschließt,
denn darin feiert der Schattenkönig Gelage
mit flüssigen Gefühlen, überschwemmend,
betäubend.

Ein wehes Herz.

Unter dem Flüssigen:
Kieselgestein, Granitbrocken, Felswände,
begonnene Bauten.
Wenn du fort musst, um Steine zu verlieren, die du nicht brauchst,
oder um die Steine zu finden, die dir fehlen,
dann ist das so,
mein Herz.

 

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