Vergiss Narziss. Ein Paradigmenwechsel ist überfällig.

Wenn ich dich liebe wie du mich,
wie fühlt sich das wohl an,
wie geht das und wie schafft man das,
was ist, wenn ich’s nicht kann?

(Liedanfang aus Apocaluther)

Narzissten gelten als selbstverliebt, egoman, herrschsüchtig. Man möge weitere Attribute hinzufügen, die sich über die Jahrzehnte rund um diese Bezeichnung für eine Kategorie „Mensch“ gebildet haben. Wohlgemerkt: Für die „positive“ Variante. Die „negative“ Variante gibt es auch: Das sind die Menschen, die denken, dass sie nichts darstellen – und die ständig andere Menschen brauchen, um Bestätigung zu erhalten. Die positiven Narzissten brauchen Macht, Geld, Einfluss, um sich halbwegs wohl zu fühlen (obwohl es nie reicht, darum machen sie immer weiter). Die negativen Narzissten opfern sich für andere auf, wollen nichts für sich, außer Bestätigung, lauter Dinge, die man für Geld nicht kaufen kann. Unterm Strich ergänzen sich beide Erscheinungsformen prächtig. Und natürlich gibt es alle möglichen Narzissmus-Formen zwischen diesen Extremen, den Blendern und den Aktionisten.

Hans-Joachim Maaz beschreibt das alles hinreißend in seinem Buch „Die narzisstische Gesellschaft“, die Lektüre sei empfohlen. Aber die Bezeichnung Narziss ist eigentlich grundsätzlich unangemessen. Klar, wer einen „positiven“ Narzissten kennenlernt, ihn reden hört und machen sieht, kann in der Tat auf die Idee kommen, dieser Mensch würde sich selbst irrsinnig lieben. Doch wer die Gelegenheit hat, mit solchen Menschen tiefe Gespräche zu führen, in denen diese wirklich ihr Herz öffnen und Tacheles reden, merkt: Diese Leute lieben sich überhaupt nicht.

Wieso reden? Diese Menschen reden angeblich nicht über ihr Inneres. Psychologen und andere Therapeuten haben ihre liebe Mühe mit diesen Menschen, die – wenn sie denn aufgrund seelischer Not überhaupt eine Therapie in Erwägung ziehen – sofort wieder damit aufhören, sobald es ihnen wieder etwas besser geht. Allgemein herrscht sogar die Meinung vor, positive Narzissten hätten keine Gefühle, seien empathielos, könnten sich nicht in andere hineinversetzen.

Aber es gibt Sternstunden, in denen diese Menschen über ihr Innerstes reden. Und dann merkt man: Es sind Abgründe aus Angst, Unsicherheit und mangelnder Selbstliebe, die diese Menschen dazu bringen, im Außen Dinge anzuhäufen, mit denen sie hoffen, ihre Abgründe auffüllen zu können. Doch es gelingt ihnen nicht. All der äußere Glanz, das Geld, die Macht, der Einfluss genügen niemals, das kleine, in sich verkrümmte Menschlein, das da ganz tief in ihnen steckt, zu beruhigen, ihm Geborgenheit zu schenken. Wie tief diese Abgründe sind, hängt von dem ab, was diesen Menschen in den Kindheitsjahren 1-6 widerfahren ist – und was sie vererbt bekamen an Traumata ihrer Vorfahren. Sie tragen ein Meer an Gefühlen und Empathie in sich, mit beidem können sie überhaupt nicht umgehen. Sie verschließen all das tief in sich, bis es so aussieht, als hätten sie nichts von alledem. Und sie haben panische Angst davor, jemand könnte merken, dass es anders ist.

Die „negativen“ Narzissten haben ebensolche Abgründe. Sie haben sich nur über die Jahre eine andere Strategie zurechtgelegt, damit umzugehen. Sie versuchen, ihre Selbstliebe-Mangel-Dunkelheiten aufzufüllen mit Engagement, Einsatz, Verausgabung für andere. Doch auch das reicht nie. Ihr Gefühlsleben ist ziemlich gut strukturiert, damit sie nie anecken und immer erspüren, wo sie gebraucht werden könnten.

Für beide und alle Dazwischen-Formen gilt: Nur die Entwicklung gesunder, balancierter Selbstliebe wird dazu führen, dass sich die inneren Abgründe endlich erhellen. Dass alle verlorenen Seelenanteile zurückkehren. Dass Frieden wird in der Seele. Dass das kleine, verletzte innere Kind in Verbindung kommt mit seinem erwachsenen Ich, das zuverlässig da ist und weiß und sich selbst vermittelt: Ich bin liebenswert. Weil ich ich selbst bin.

Das ist ein langer Weg. Diese Abgründe zu öffnen, zu betreten, Licht ins Dunkle zu bringen, dauert. Was so weh dabei tut, ist einfach und allein der Schmerz all der Jahre, die man damit verbracht hat, Kummer, Angst und Not zu verdrängen.

Doch die Transformation vom Dunkel ins Licht ist eine sanfte Angelegenheit. Sie gelingt durch bedingungslose Liebe, die der Mensch in sich fließen lässt. Bedingungslose Liebe richtet nach und nach den in sich gekrümmten Menschen auf. Die bedingungslose Liebe für sich selbst. Und damit auch für andere.

Es ist doch kein Wunder, dass es auf der Welt so aussieht, wie es aussieht. Lauter Menschen, die sich selbst gar nicht oder nur ein bisschen lieben – die können auch ihr Gegenüber nur genau so lieben wie sich selbst. Und Schuld suchen diese Menschen immer beim anderen. Wie soll da Frieden auf Erden werden? Gott wird das nicht tun. Auch nicht selbsternannte Mächtige der Welt. Sondern die Menschen, die sich mit bedingungsloser Liebe auffüllen und innerlich heil und ganz werden. Alle sind gefragt.

Das ist die Botschaft von Apocaluther; das war bereits die ungeheuerliche Erkenntnis Luthers: Dass diese heilsame, bedingungslose Liebe immer da und frei verfügbar ist für jeden. Direkt. Ob man Gott dazu sagt, Universum, Energie, ist völlig egal. Darüber muss man auch nicht streiten. Denn die Reformation brachte die Erkenntnis in die Welt: Man kann unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem friedlich zusammenleben.

Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel. Vergiss Narziss.

Sich selbst bedingungslos lieben – wir Menschen wissen gar nicht, was das ist. Weil wir von kleinauf lernen, dass wir so, wie wir sind, nicht wirklich richtig sind. „Aber die Großen können ja gar nichts dafür. Sie haben es ja selbst nicht anders gelernt.“ So sagt es ein Kind in Apocaluther. Ja. Tatsächlich. Das Nicht-Richtig-Sein wird immer weitergegeben, in unterschiedlichsten Ausprägungen.

Moment mal! Soll das etwa heißen, dass ein positiver Narziss einfach von sich behaupten soll, er wäre richtig? Das ist dann ja noch viel schlimmer als vorher!

Nein, natürlich nicht. Ich behaupte, der lange Weg zur bedingungslosen Liebe für sich selbst – und damit auch für andere – ist ein ganz persönlicher, individueller Weg. Den geht niemand etwas an. Vor allem ist es ein spiritueller Weg.

Und woher soll ein Mensch wissen, wie das funktioniert? Luther war der Ansicht (und die Hirnforschung bestätigt ihn), dass jedes Kind mit einem angeborenen Gewissen auf die Welt kommt. Dieses Gewissen bleibt ihm erhalten. Es kratzt ein Leben lang im Innern. Die Frage ist, ob man die Gelegenheit nutzt, darauf zu hören. Vielleicht sitzt dieses Gewissen im Herzen, unzerstörbar.

In dieser Zeit sind vor allem Männer auf dem Weg. Sie wollen lernen, wie das geht, auf ihr Herz zu hören und danach zu handeln. Ich finde, das ist eine gute Entwicklung. Die Welt kann diese Männer gut brauchen.

Und die Frauen? Das gilt alles auch für Frauen. Nur – Männer mussten durch das ganze Kriegsgeführe seit Jahrtausenden ihr Herz viel mehr vergraben. Da liegt es nun, unter siebzehn Metern Stahlzement. Wenn diese Männer beginnen, auf ihre Gefühle zu hören und danach zu handeln, ordnet sich ihr inneres Meer wie von selbst, kommt in Fluss, sprengt den Zement. Aber sie tun das dann einfach, klammheimlich, im Stillen. Vielleicht fliehen sie auch eine Weile. Im Gegensatz zu den negativen Narzissten, die viel eher in der Lage sind, mit Vertrauten über ihre inneren Nöte zu sprechen und im Alltag beginnen, sichtbare Veränderungen zu gestalten.

Theodizee sagt bereits in der ersten Szene von Apocaluther: „Ich hab’s gewusst! Wir schreiben das Jahr 2016 nach Christus und ihr Großen wisst immer noch nicht, wie das geht: Die Herzen auf und einfach schön zusammenleben.“

Die Kinder, vor allem die ganz kleinen, machen es den Großen aber vor. Lassen wir uns vom Vertrauen, der bedingungslosen Liebe und der natürlichen Spiritualität der Kinder bewegen.

Wie könnte man diese Menschen, die sich nicht lieben, also nennen? Größen-Klein und Größen-Selbst klingt ziemlich kompliziert. Vielleicht gehört zu dem Wandel, dass man beginnt, vor allem den Menschen in diesen Menschen zu sehen. Luthers Bezeichnung homo incurvatus in se, der in sich verkrümmte Mensch träfe es vielleicht noch genauer. Wachsen dürfen. Berufung leben. Mit sich selbst glücklich sein. Auf dem Weg aus der Gekrümmtheit ans Licht lassen sich dann auch Lebensträume mit Leichtigkeit realisieren.

Und nebenbei bemerkt würde eine andere Bezeichnung es den Menschen vielleicht auch ermöglichen, eher zu begreifen, was mit Ihnen los ist. Wer will schon gerne Narzisst sein? Ach so, das sind ja immer die anderen … Nein, das ist jeder von uns mehr oder minder. Noch.

Du sollst dein Licht nicht unter einen Eimer stellen. Theodizee hat recht. Wir könnten es ja einfach mal begreifen, was es mit sich bringt, das eigene Licht leuchten zu lassen und das anderen ebenfalls zu gönnen.

 

||||| 1 Find ich gut. |||||

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