Lass deinem Kind sein Geheimis und grab dein eigenes wieder aus.

Wer mit wem und wo und wie und ob und überhaupt – ein Dauerthema der Gesellschaft. Aber wehe, es geht um Religion oder Kirche. Diese Themen gelten als noli me tangere, rühr mich nicht an. Über Religion spricht man nicht. Punkt. Vielleicht theoretisch, von Fachmann zu Fachmann. Aber über die eigene Meinung in Sachen Religion, Religiosität, Spiritualität zu sprechen – das geht zu tief, zu weit, das gehört sich nicht.

Liegt es daran, dass diese Themen sofort polarisieren? Oder doch daran, dass die Religiosität im Menschen tiefer verankert ist als die Sexualität?

Ich glaube, dass zu früh im Leben eines jeden Menschen auf dem angeborenen Gewissen herumgetrampelt wird. Manchmal in vermeintlich bester Absicht. Zum Beispiel, damit das Kind den rechten Glauben habe. Oder die „magische Welt des Kindes“ (Joseph Chilton Pearce) wird gar nicht wahrgenommen oder wertgeschätzt.

Stattdessen wird pathologisiert, wenn das Kind mit unsichtbaren Freunden spricht, Menschen in seinen Zeichnungen blau oder schwarz malt (weil es diese so sieht, was den Erwachsenen natürlich nicht in den Kopf will) – oder Eltern haben fürchterliche Angst vor den Fragen ihrer Kinder nach Gott, schaffen sich Bücher an, in denen meist das alte Bild des vom Menschen getrennten Gottes im Himmel weiterverbreitet wird. Der vom Menschen getrennte Gott ist noch immer einfacher zu verstehen als der mit dem Menschen verbundene. So lernen die Kinder, die aus der ewigen Verbundenheit kommen, dass das Leben auf Erden in der Getrenntheit stattfände. Spätestens damit beginnt die innere Gekrümmtheit. Und das alles 500 Jahre nach Luther. „2017 – 500 Jahre Reformation“ – ja, und weiter geht’s. Denn Luthers Haupterkenntnisse werden erst nach und nach verstanden. Luther als Held ist (noch) leichter verdaulich.

Ein Buchtitel lautet: „Lass deinem Kind sein Geheimnis“. Das bringt es auf den Punkt. Nur erfordert das natürlich von Eltern zu erkennen, dass sie selbst auch mal ein Geheimnis hatten.

Wie sieht es aus mit der Spiritualität der Eltern, der Lehrer und sonstigen Bezugspersonen?

Halt, es geht nicht darum, den Kindern einen bestimmten Gott nahezubringen. Sondern vielmehr darum, Ihnen das (Ge-)Wissen, das sie von Geburt an haben, nicht zu nehmen.

Das ist vor allem wichtig und ratsam in Zeiten, in denen Kindern verschiedenster religiöser Hintergründe in Kindergärten und Schulen den Alltag miteinander teilen. Und es ist vielleicht angebracht, dass Menschen einander davon erzählen, dass es dieses Geheimnis in den Kindern gibt.

Nicht die Kinder müssen in Sachen Gewissen & Co. den Großen zuhören. Sondern die Großen müssen den Kleinen zuhören. Wertschätzen. Respektieren. Wenn denn ein Kind überhaupt etwas über sein (Ge-)Wissen preisgibt.

Am schönsten ist das im Alter zwischen vier und fünf, wenn die Kinder morgens aufstehen, zum Frühstück kommen, sich hinsetzen und dann den verblüfften Eltern erklären, wie das ist zwischen Himmel und Erde, dem Paradies und den Menschen, der Liebe und dem Leben.

Woher, fragen sich manche Eltern dann, WEISS mein Kind das? Muss ich mir Sorgen machen? Ist mein Kind normal? Spinnt es? Sie wissen gar nicht, was sie selbst darauf antworten sollen. Müssen sie auch nicht. Nur zuhören und nachspüren. Wie war das bei einem selbst? Hatte ich jemanden, der mir zugehört hat? Wurde ich ausgelacht, als ich klein war und den Großen die Welt erklären wollte?

Die eine Maske in Apocaluther blafft Luther an: Kindern muss man erstmal erklären, wie die Welt funktioniert, bevor überhaupt nur daran zu denken ist, sie in den Lauf der Dinge einzugliedern.

Luther fragt ganz konsterniert:
In den Lauf der Dinge?

Ein Lied der Kinder in Apocaluther beginnt so:

Ich bin vielleicht noch klein
doch bald schon bin ich groß
dann sitzen meine Kinder
bei mir auf meinem Schoß.
Was ich heut von euch lerne,
das ist dann in mir drin
darum ist gut, wenn klar ist,
wie liebenswert ich bin.

Vermutlich ist es wirklich besser, wenn große Leute sich nicht über Religion, Religiosität, Spiritualität und ihr Gewissen unterhalten. Ist alles viel zu verborgen in dem kleinen Menschenkind, das in ihnen steckt.

Allerdings ist es für große Leute heilsam, wenn sie ihr Geheimnis wieder entdecken. Ganz für sich allein, Stück für Stück ihre Schatten transformierend, im stillen Herzenskämmerlein.

||||| 1 Find ich gut. |||||

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