Die Winkel, von denen du niemals jemandem erzählen würdest.

Luthers bahnbrechende Erkenntnis war: Keiner muss Angst vor Höllenstrafen haben, denn der Mensch ist durch Gottes Gnade gerechtfertigt. Doch wozu dient diese Erkenntnis, wenn man, wie heute, ohnehin keine Angst mehr vor Höllenstrafen hat?

Ich habe mich das auch gefragt. Darum ist die Botschaft von Apocaluther auch nicht das Aufwärmen der oben genannten Erkenntnis.

Ursprünglich wollte ich einfach ein Stück über die Apocalypse schreiben, für Kinderchor. Weil ich der Meinung bin, dass die Apocalypse schon längst stattgefunden hat und wir Menschen es in der Hand haben, ob es ein Paradies auf Erden gibt oder nicht.

Irgendwann war da in meinem Kopf Luther, der ans Fenster klopft und einfach in unsere Welt zurückkommt – weil er sich 500 Jahre lang von der anderen Seite aus angesehen hat, was hier auf der Erde passiert, vor allem auch aufgrund fundamentalistischer Glaubensüberzeugungen. Meine Idee war, dass Luther die Botschaft, die ich transportieren wollte, unters Volk bringt. Aber geht das? „Darf“ man das? Ich fand heraus, dass Luther mit der Apocalypse zu Lebzeiten nichts anzufangen wusste – welch wunderbare Voraussetzung. Und ich merkte, dass Luther das mit der bedingungslosen Liebe und der Verbundenheit des Menschen mit Gott formuliert hat. Alles war plötzlich da. Doch die Luther-Erkenntnis, die (Rück-)Verbindung des Menschen mit Gott, wird in den ganzen Reformationsjubiläumsfeierlichkeiten und -texten nicht erwähnt.

Indes, das verwundert nicht. Denn Menschen, die ihre Verbundenheit mit Gott leben wollen, haben der Kirche meist den Rücken gekehrt, weil dort noch immer so viel Getrenntheit gelebt und verkündet wird. Alles scheint darauf zu basieren. Es gäbe viel zu verändern: Mehr Spiritualität in der Kirche, Verkündigung der Verbundenheit und dessen, was daraus resultiert, Reformation 2.0. Aber was, bitte, heißt denn Verbundenheit mit Gott, dem Göttlichen? Wie fühlt sich das an?

Vereinfacht gesagt ist Verbundenheit mit Gott oder dem Göttlichen die Wahrnehmung, dass man selbst mit dieser Kraft, Macht, nenn es wie Du willst, verbunden ist. Und alle anderen Menschen auch. Also ohne Absolutheitsanspruch oder einem „Ätsch, ich bin besser als du“. Dazu gehört zu verstehen, dass die Jesus-Aussage „dir geschehe nach deinem Glauben“ stimmt und den Menschen an seine Selbstverantwortung und Schöpferkraft erinnert. Und alle anderen Menschen auch.

Zwar ist dann Schattenarbeit angesagt, wie die Psychologen sie nennen. Denn die Verbundenheit bringt einen in Kontakt mit der bedingungslosen Liebe, die besagt: Mensch, du bist in Ordnung, wie du bist. Räum dein Leben auf. Auch die Baustellen, von denen du denkst, sie ließen sich nicht aufräumen. Auch die Winkel, von denen du niemals jemandem erzählen würdest. Und bitte: In dieser Verbundenheit geht es eben NICHT um einen Richtergott oder etwas Ähnliches. Es geht auch nicht darum, was ANDERE sagen oder erlauben. Es geht um einen selbst und darum, das überholte Bild des vom Menschen getrennten Gottes abzulegen. Gott, diese Energie, ist für alle gleichermaßen verfügbar. Keiner kann sich über oder unter den anderen stellen. Jeder ist individuell gemeint.

Diese (Luther!)-Erkenntnis ist von einer Radikalität, die ihresgleichen sucht. Und geriet vielleicht deshalb in Vergessenheit oder wurde verdrängt. Zu bequem und gewohnt ist das Leben im Oben-Unten-Macht-System. Zu viele profitieren (noch) davon.

Viele Menschen erleben allerdings, dass sie sich ganz plötzlich, in einer wunderschönen Situation, an wunderschönem Ort oder auch einfach im Alltag ganz und gar in Harmonie fühlen. Sie fühlen sich verbunden mit sich und mit Allem-was-ist. Das ist der Moment, wo sich die Verbundenheit meldet: Hallo, ich bin da. Dann kann der Weg beginnen, durchs achtsame innere Aufräumen in die Verbundenheit zurückzufinden. Und zwar im Diesseits. Hölle ja oder nein? Wenn im Inneren vollständig aufgeräumt ist, kann sich im Außen des Einzelnen keine Hölle, kein Drama, kein Unfrieden mehr manifestieren.

Wir sind in diese Welt gestellt
damit sich alles hier erhellt.

Wir alle haben’s in der Hand,
wie’s aussieht hier in unserm Land.

(Liedzeilen aus dem Schlusslied, Apocaluther)

 

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