Rezension

Ein Musiktheater vom Metropolenrand arbeitet an der Subversion der Verhältnisse
von Heinz Markert

© 16.7.2016 Weltexpresso, mit freundlicher Genehmigung des Autors

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Apocalypse und Theodizee, diese zwei aufgeladenen und Problemlagen kennzeichnenden Begriffe, bilden die Diskussionsgrundlage für ein in Wort, Musik und Aufführungspraxis gelungenes Bühnenstück mit Darstellern unterschiedlicher Altersstufen und einem Instrumentalensemble, zu dem nicht zuletzt der Kinderchor den eigentlichen Glanzpunkt setzt.

Auch wer es – zum Agnostizismus tendierend – mit den Bindungen an religiöse Formate nicht gar so innig zu tun hat, während die biblischen Texte doch einiges Exemplarische zum Erbe der gefallenen Menschheit beizutragen haben, kann mit dem Aufgeführten ohne die normalerweise aufkommenden Widerstände über zweieinhalb Stunden mitgehen. Und dies mit einem Kinderchor, der voll durchhält. Text und Musik liefern keine süßlichen Gaben, die immer schon Gott und ewiges Leben oder Hölle im Besitz wissen und sich einer leidenschaftslos verbreiteten Botschaft hinzugeben bereit sind.

Die Strophen sind mit Realität und Wirklichkeit, mit Gesellschafts- und Kulturkritik, mit einer Verhandlung über die Weltlage durchsetzt, die sich im Aktuellen bewegt, sich nicht scheut, den Herrschenden die Leviten zu lesen, ohne aber holzschnittartig aufzutragen oder Propaganda für Jesus zu betreiben. Ulrike Streck-Plath hat für die Idee der Welterneuerung ganze Arbeit geleistet.

‚Welt nimmt schlimmen Lauf‘, – ‚wer lügt, liegt obenauf‘ (aus Lied 6)

‚Theodizee‘ ist auch der Vorname der Tochter aus dem Pfarrershaushalt, aus dem das Stück sich entwickelt – in dem es mit merkwürdigen Dingen zugeht, wie zu zeigen war -, in dem ganz wie in Familien üblich sich Generationen am Tisch verbal kreuzen. Für Tochter Theodizee (Anna Schiftner) und Sohn Theodor (Danny Ngando) ist es normal, die Apokalypse – im Licht der dauernden Katastrophe Weltgeschichte – und das Theodizeeproblem (der Versuch der Rechtfertigung Gottes vor den Übeln in der Welt/‘Wie kann denn Gott das bloß zulassen?‘) als anziehende, sich immer wieder neu aufschließende Interpretationsmuster der Universalgeschichte und der denkbaren Gott-Mensch-Beziehung zu erörtern.

Die große Anzahl schneidender Strophen der zehn Lieder sind keine religiösen Erbauungsmittel, es wird vom Jetzt gehandelt, auch vom Gestern im Heute, das fort west, aufgrund von alten Gruppen, die über die Jungen befinden, wie im Brexit. Gerade erst hat Finanzminister Schäuble die Lockerung der Rüstungsausfuhrbestimmungen gefordert. „Waffen werden produziert  und verkauft und transportiert  und dann werden unverdrossen  Menschen totgeschossen. Schiffe fahren auf dem Meer,  bringen viele Menschen her.  Kinder sterben in den Fluten.  Väter weinen,  Mütter bluten.  Wie viel Fremde  dürfen rein?  Wer darf nicht mehr  bei uns sein“. (aus Lied 1 nach der Broschüre)

Ganz klar, das Stück legt sich mit den Herrschenden und ihren Praktiken an, auch Luther, auf den zu kommen ist, hält sich da nicht raus. Der Schluss mündet in den Showdown, wenn die Herrschenden selbst nicht mehr können, während die andern nicht mehr wollen wie jene möchten und sie daher den Bankrott der alten Praktiken und das Ende der bisherigen Geschichte eingestehen. Die Herrschenden arbeiteten nämlich immer mit Druck gegen die Gesundung und Heilung der Welt, indem sie Bedingungen schufen, die von Angst, Furcht und Einschüchterung durchherrscht waren. „Diese Angst hält uns mächtig“.- Geliebt wird nur, wer die gesetzten Bedingungen einhält.- „Zur Liebe gehören immer Bedingungen“. Nicht zuletzt aber ist es auch die Anonymität der Verhältnisse: „Niemand soll wissen, wie es wirklich ist. Das ist die Ordnung“.  (S. 31 des Text- und Liedbuchs)

‚Apocaluther‘ entstand nicht zuletzt aus dem Umstand, dass seit Luthers Wirken 500 Jahre vergangen sind. Luther konnte dem Inhalt der Apokalypse (‚Offenbarung des Johannes‘) nicht gar so viel abgewinnen.

Die Apokalypse war für ihn Vergangenheit, Jesus hatte schon die Zeichen der großen Veränderung gesetzt; dennoch: „In der Welt sieht es nicht wesentlich besser aus als vor 500 Jahren – und die Menschen fürchten immer wieder apokalyptische Zustände“. (Zitat aus der Ankündigung) Lasen wir darüber nicht eben erst in der Zeitung? ‚Von Terror bis Einsamkeit: Eine Studie zeigt, wie sehr die Furcht der Deutschen wächst‘, so titelte die Frankfurter Rundschau (13.07.2016).

Zum Plot der Geschichte: Luther entschließt sich, die 95 Thesen (aus dem Jahr 1517) um 5 hinzukommende zu erweitern, fünf, zu denen er in seiner damaligen Lebenszeit fortzuschreiten noch nicht imstande war. Um diese Thesen in die Welt zu bringen und endlich den alten Adam in die Wüste zu schicken, braucht es die Kinder, denn von diesen weiß der Weise: sie haben den gnadenlos unverstellten, analytischen Blick auf die Welt der Erwachsenen, wissen genau Bescheid, was darin fehlfunktioniert und warum. Denn sie sind ursprüngliche Philosophen, wie Schopenhauer erkannte.

Die Kernthese

„Ich habe mir die Welt von der anderen Seite fast 500 Jahre angesehen. Viele Kriege fanden statt, einer schlimmer noch als der andere. Ganze Völker wurden vernichtet. Ich will das nicht alles aufzählen, was zu sehen war. All diese Diktatoren, Menschenverachter, Familientyrannen! Doch als wäre das noch nicht genug gewesen, haben die Menschen weiter Angst vor der Apokalypse“. Die Mittel und Möglichkeiten der befreiten Welt liegen aber längst bereit (S. 27 des Text-und Liedbuches)

Also steigt Luther in das irdische Tal hinab und über das Fenster hinein in den Theologenhaushalt, trifft dort auf die überraschten Kinder Theodor und Theodizee. Natürlich lebt die Situation von dem Kontrast der unterschiedlichen Sprache zwischen Luther und Kindern. Das Internetzeitalter ist für Luther schon kein Unbekanntes mehr, er sieht es als Mittel, seine Kampagne mit den über die Weltlage und ihre Ungereimtheiten wohlinformierten Kinder einzuleiten und die Menschen zur Überwindung der verwalteten und verunstalteten Welt (und deren Hintermänner) zu führen.

Die persönliche Ein-Gott-Beziehung und die ungeteilte Liebesreligion – niemand wird aufgegeben, fallengelassen oder ist verdammt – sind die konsequenterweise höchsten Begriffe des Stückes. Sie sind nebenbei auch das Alleinstellungsmerkmal unter den Religionen. Für die berechtigterweise Skeptischen kann der Kompromiss lauten: Gemeinsamkeit und Verbundenheit aller Wesen und Dinge, die Fehlbaren und Gefallenen können mitgerettet werden.- Der Präsident der Luther-Gesellschaft, Johannes Schilling, der zur Einführung des Musiktheaterstückes schrieb, betont, dass Luther „die Erkenntnis Gottes und des Menschen immer zusammengedacht“ hat (‚Apocaluther‘ – Zur Einführung). Die Reformation Luthers setzt auf Diesseitigkeit, auf aktive Veränderung menschlicher Verhältnisse. Sie birgt einen die Gesellschaft verändernden Impuls, der das Musikstück vorantreibt.

Bedingungslose Liebe heißt nicht, sich alles gefallen zu lassen

Johannes Schilling: „Luther ermutigt den auf sich selbst bezogenen – er sagt: den in sich selbst verkrümmten – Menschen dazu, sich aus seiner Selbstbezogenheit befreien zu lassen und furchtlos ins Leben zu gehen“. Im Stück tritt Luther ein, um sich mit den Kindern zu verbünden, sein Plan mündet mit Hilfe der Kinder im Standgericht (nach der Pause) über die Mächtigen der Welt, es endet bravourös und argumentativ überwältigend mit Hilfe der bisher fehlenden Thesen in der Gründung der Neuen Erde. Die Kinder schalten sich mit Invektiven dazwischen, stellen die 5 Thesen auch ins Internet – Luther runzelt die Stirn. Oft wird aufgelacht, wenn die Kinder pointiert sprechen.

Der eintretende Engel liest nach den etlichen martialischen Momenten, in denen es hart auf hart geht, schließlich den Handlangern der Machthaber aus Briefen ihrer Eltern vor – denn Eltern sind die unglücklichen Scharniere und Schaltstellen zur Erhaltung der Verhältnisse, das ist die These. „Wir sind erschüttert über das, was auf der Welt passiert […] Doch wir sind nicht mehr da. Wir können nichts mehr verändern. Das könnt jetzt nur noch Ihr selbst“. (S. 35 des Text- und Liedbuchs)
Das Musiktheater besticht, weil es keine verbalen und mentalen Peinlichkeiten aus dem Lager des Religionsbekenntnisses unter die Leute bringt. Die Kinder halten ihren Part bis zum Schluss – immerhin über mehr als zwei Stunden – meisterhaft in Gang, geleitet von Ulrike Streck-Plath. Apocaluther hat das Zeug für die große Öffentlichkeit. Der Güte wegen und weil es funktioniert.

 

||||| 1 Find ich gut. |||||