Taboe

Ein Teddy ist auf seinem Weg durch die Welt, ihre Wirren, Streit und Gewalt auseinandergeraten. Kinder finden eines seiner Ohren. Gemeinsam mit Freundinnen und Freunden machen sie sich musikalisch auf den Weg durch verschiedene Länder. Schaffen sie es, die anderen Teddyteile zu finden und
den Teddy wieder ganz zu machen?

TABOE zeigt, wie die Seelen der Menschen durch schlimme Erlebnisse auseinanderfallen können. Aber auch, wie das, was zerstört ist, wieder ganz werden kann. Ein Stück für Erwachsene und Kinder.

Das Stück ist 2018 erschienen im Strube-Verlag München, VS 4042.

Arrangiert wurden die Lieder von Nuri El-Ruheibany (geb. 1939), einem syrischen Komponisten, der schon lange in Deutschland lebt, Text und Liedauswahl stammen von Ulrike Streck-Plath.

Herr El-Ruheibany, Sie komponieren normalerweise eher für große Ensembles und Orchester. Was hat Sie dazu bewogen, die Lieder für TABOE zu arrangieren?
NER: Viele Komponisten haben neben großen sinfonischen Werken auch Stücke für Kinder geschaffen. In den 80er Jahren habe ich 60 arabische Kinderlieder für Orffinstrumentarium arrangiert und in Beirut veröffentlicht. Meine Vorliebe zur Kinder- und Volksmusik stand mir zur Seite, als ich die Arbeit mit TABOE begonnen habe. Ich war glücklich, wieder eine neue Arbeit für Kinder zu schaffen.

Frau Streck-Plath, wie kamen Sie auf die Idee für TABOE?
USP:
Die Geschichte basiert auf einer alten Kinderbuchidee von mir: Ein Bär zerfällt auf seinem Weg durch die Welt voller Gewalt in seine Einzelteile. In TABOE wird diese traurige Geschichte glücklich umgedreht, denn der Bär kommt wieder zusammen. Die Umsetzung fiel mir im Herbst 2017 eines Morgens aus einem bewölkten Himmel direkt vor die Füße, mitten in Hanau. TABOE zeigt, was Gewalt und Krieg mit Menschen machen und dass alles wieder gut werden kann. Das gilt auch für die seelischen Zerstörungen, die man ja nicht unbedingt sieht. TABOE ist eine Metapher für inneres Opfersein, das geheilt werden kann und auch muss, damit Frieden in der Welt möglich wird.

Jedes Lied in TABOE stammt aus einem anderen Land. Wie sind Sie mit den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen umgegangen?
NER: Ulrike Streck-Plath hat 14 Lieder aus verschiedenen Ländern ausgesucht. Jedes Lied führte in ein anderes Land und hat seine eigene Farbe und Charakter. Bei jedem Lied habe ich mir die jeweiligen Landschaften und Kinder vorgestellt. Bei der Arbeit habe ich gesungen und manchmal auch getanzt und mich in das Land hineinversetzt. Ich habe Kinder um mich gesehen, deshalb hat mir die Arbeit große Freude bereitet.  

Nach welche Gesichtspunkten haben Sie die Lieder ausgesucht?
USP: Die Lieder sollten aus den abrahamitischen Kulturkreisen stammen, aber nicht religiös sein, inhaltlich zur Geschichte passen und zeigen, dass das wirklich Wichtige im Leben in allen Ländern gleich ist: Ganz sein – mit sich selbst und anderen. Das israelische „Noumi noumi“ stand als Anfangslied sofort fest. Es fügte sich schließlich alles gut zusammen, von Peru über Nigeria und den Iran bis Kasachstan.

Wie kamen Sie darauf, Nuri El-Ruheibany für das Arrangement der Lieder anzufragen?
USP: Ich dachte, dass es vielleicht einen syrischen Komponisten gibt, der in Deutschland lebt. Die Internetrecherche ergab zahlreiche Einträge zu Nuri El-Ruheibany. Als erstes sah ich die Aufführung der Carmina Burana 2011 in Damaskus, mit Nuri am Dirigentenpult. Außerdem fand ich Variationen für Cello und Orchester über „Der Mond ist aufgegangen“. Da war klar, dass dieser Komponist der Richtige für TABOE ist.

Was kann Musik Ihrem Volk in der gegenwärtigen Situation geben?
NER: Die Lieder des „TABOE“ sind zwar verschieden, aber sie haben eins gemeinsam: Sie singen alle für den Frieden in der Welt. Ein Lied aus dem Iran und ein Lied aus Syrien, daneben ein Lied aus Israel. Das ist eine echte Botschaft für den Frieden. Denn sowie die Kinder die zerstückten Teile vom TABOE finden und zusammenflicken, werden in der Zukunft, so hoffe ich, die verfeindeten Länder zusammenkommen. Die Koreaner haben den Anfang schon gemacht.

Über Nuri El-Ruheibany

Der am 13. Januar 1939 in Damaskus geborene deutsch-syrische Musiker Nuri El Ruheibany studierte Klavier und Komposition an der Hochschule für Musik in Leipzig 1968. 1972 absolvierte er ein Dirigentenstudium in Dresden. Es folgte eine mehrjährige Tätigkeit als Dirigent. Er leitete unter anderem die Hallische Philharmonie, das große Rundfunk-Sinfonieorcher und Chor Berlin, das Staatstheater Freiberg, das Opernhaus Leipzig, die Reichenbacher Philharmonie (drei Jahre als erster Kapellmeister), die Staatskapelle St. Petersburg, die Kaliningrader Philharmonie, die Lüneburger Symphoniker und die Magdeburger Philharmonie. Schließlich ist er bei dem Syrischen Nationalsymphonie-orchester seit seiner Gründung in Damaskus ständiger Gastdirigent, auch mit eigenen Kompositionen.

El-Ruheibanys Kompositionen bilden oft eine Brücke zwischen der arabischen und europäischen Musik. Er schuf zahlreiche Werke für Klavier, Percussion, Kammermusik, Chor und Orchester.

Unter dem Eindruck der jahrelangen Zerstörung seiner ersten Heimat Syrien komponierte Nuri El-Ruheibany das Oratorium „Die Toten Städte“ und machte damit die Geschichte der ersten Christen in Syrien lebendig. Die Welturaufführung fand am 6.Mai 2017 im Verdo in Hitzacker statt. Im Jahre 1987 wurde die Mittelmeerolympiade in Latakia/Syrien mit seiner sinfonischen Dichtung „Der Seemann und der Sturm“ eröffnet.

1980 gründete El-Ruheibany an der Musikschule Lüchow-Dannenberg das Percussion- Ensemble „Tamburo Temperamento“, das zum musikalischen Aushängeschild des Landkreises geworden ist. Viele seiner Schüler errangen beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ Preise auf Landes- und Bundesebene. Als Musikpädagoge führte er mit dem Goethe-Institut durch zahlreiche Workshops die neue Methode für musikalische Ausbildung durch Schlaginstrumente in den Ländern Syrien, Libanon, Jordanien und den palästinensischen Autonomiegebieten ein.

Im Jahr 2000 nahm der Chor Clangfarben (Wendland) El-Ruheibanys Lied „Peace Song 2000“, der damit in Israel den ersten Preis gewann bei einer Ausschreibung für einen Chor von Jugendlichen aus Palästina und Israel. Das Lied wurde daraufhin mit diesen Jugendlichen bei der Expo in Hannover mehrmals aufgeführt.

Für seine Verdienste als Musiker, Komponist und Pädagoge erhielt er 2001 das Bundesverdienstkreuz am Bande.  2016 beteiligte sich der Lüchower Komponist sich an einem Benefizkonzert für Ärzte ohne Grenzen. Als Musikpädagoge war El-Ruheibany jahrzehntelang Mitglied und Gastdozent der IGMF (Internationale Gesellschaft für Musikpädagogische Fortbildung) in Deutschland und der „Orffschulwerk Gesellschaft“ in Salzburg. Mit dem Goethe-Institut leitete ich zwischen 1980-2000 zahlreiche Workshops für musikalische Ausbildung für Kinder durch Schlaginstrumente in den Ländern Syrien, Libanon, Jordanien und den palästinensischen Autonomiegebieten ein.

Über Ulrike Streck-Plath: http://www.ulriqe.de

Was wir lieben, wie es ist,kann wieder ganz werden
Ulrike Streck-Plath über Taboe

Als Rassist, Extremist oder Gewaltherrscher, aber auch als ängstlicher oder
unterwürfiger, kurz: innerlich zerstörter Mensch wird niemand geboren. Das Sicherheben über andere, die Suche nach dem „starken Mann“ und andere unveränderbar scheinende Gesetzmäßigkeiten, die auf Macht-Ohnmacht basieren, sind immer Folgen inneren Sich-klein- und Nicht-geliebt-Fühlens – aufgrund von Erfahrungen in der Kindheit und darauf „aufbauend“ im weiteren Leben. In APOCALUTHER haben wir das vor zwei Jahren auf die Bühne gebracht.

TABOE (niederl. für Tabu – und das, worum es hier geht, ist ein Tabu) zeigt nun, was in APOCALUTHER unsichtbar geschah, als die drei Gewaltherrscher ihre Masken absetzten, nachdem sie den Brief ihrer Eltern und den Brief von Gott gelesen hatten. In den Briefen stand, das sie geliebt sind – so, wie sie sind. In TABOE heißt es darum: „Was wir lieben, wie es ist, kann wieder ganz werden.“

Ob angstbesetzter Gewaltherrscher oder Geknechteter, Kind oder Erwachsener – das fraktale Wesen Mensch ist NICHT dazu auf der Welt, um an der Fraktalität zu leiden. Sondern wir sind hier, um lebensfroh zu leben und um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns allen ist. Darum können, dürfen, sollen alle Menschen ganz werden und bleiben. Es ist unser Geburtsrecht.

Meine Vision ist, dass in den Folterkellern der Welt die Peiniger auf einmal GANZ werden. Einfach so. Weil hunderttausend Engelchen ihnen ihre verlorenen Seelenteile zurückbringen. Und dass diese wieder heilen Menschen dann da stehen und starren auf das, was sie getan haben, und sofort alle Gefangenen freilassen, ihre Wunden versorgen. Dass durch dieses Tun auch die Gefolterten wieder ganz werden und dann alle gemeinsam hinausgehen ans Tageslicht. Dorthin, wo das Leben ist. Gemeinsam auf einer Erde, die allen gehört.

Das Stück habe ich meinem Vater gewidmet. Dass er durch die Bombardierung Berlins seinen Teddybär verloren hatte, fiel mir seltsamerweise erst wieder ein, als ich TABOE geschrieben hatte. Von diesem Teddy gibt es nichts mehr. Aber jetzt gibt es TABOE.

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