Genau wissen, was man sieht.

Was Lena Krawtschenko, 7 Jahre, 1941 bei Minsk gesehen hat
– gefunden in Swetlana Alexijewitsch, „Die letzten Zeugen“, Seite 110 –

Finkhofwolle, Haselzweig, 2009

Lena Krawtschenko sah im Straßengraben eine tote Frau. Das Kind, das neben der Frau lag, lebte noch. Es trank Milch an der Brust seiner Mutter. „Genau wissen, was man sieht.“ weiterlesen

Den Boden dafür entziehen, mit anderen machen zu dürfen, was man will.

Für Ruth E.

Finkhofwolle, Brennesselgarn, Haselzweige, 2011
60 x 200 cm

Wie lange kann ein Neugeborenes in den Armen der Mutter überleben, wenn es nicht gestillt wird? Dr. Josef Mengele wollte das wissen, ließ Ruth Elias nach der Geburt ihres Kindes die Brust bandagieren. Sie schreibt davon in ihrem Buch „Die Hoffnung erhielt mich am Leben“. Ich fand den Text in einem Reclam-Buch für die Sekundarstufe II.

Ruth Elias überlebte. Ihr Kind starb, durch ihre Hand. „Den Boden dafür entziehen, mit anderen machen zu dürfen, was man will.“ weiterlesen

Wann sind wir da, Mama?

Fleeing

Finkhofwolle, Haselzweige
2009

Der alte Herr sprach mich an der Gartenpforte an. „Sind Sie das, die diese Puppen da macht? Hören Sie auf damit, ja? Hören Sie auf. Wir wollen uns nicht erinnern. Außerdem war das alles nicht so. Und überhaupt, Sie haben gar nichts erlebt. Hören Sie auf damit. Haben Sie mich verstanden?“ Dann fuhr er auf seinem Fahrrad davon.

Das ganze menschliche Drama zwischen zwei Motiven

Syrische Pietà
– nach Samuel Aranda, World Press Photo Award 2012 –

170 x 150 cm, Finkhofwolle, Stahl

Eine junge Frau, verschleiert, hält in ihren Armen einen leblos wirkenden Mann. Schläft er oder ist er tot?

Das Foto wurde am 15. Oktober 2011 in einer Moschee in Sanaa, im Jemen, aufgenommen. „Das ganze menschliche Drama zwischen zwei Motiven“ weiterlesen

Die ganzen Erinnerungen …

Crying Man

Finkhofwolle, Haselzweig
70 x 90 cm, 2011

Gelnhausen war 1933-45 eine der braunsten Städte Deutschlands, stolz darauf, als erste „judenfrei“ zu sein. In der Marienkirche Gelnhausen hatte ich von Dezember bis März 2011 eine Ausstellung.

Am hellichten Vormittag, ich war dabei, die Werke aufzuhängen, kam ein Herr in die Kirche. Er sah sich überrascht um. Dann lief er in der Kirche umher und kam schließlich zu mir. „Sind Sie das, die diese Bilder gemacht hat?“, fragte er. Da ich auch aggressive Reaktionen auf die Werke kenne, machte ich mich auf etwas gefasst.

„Die ganzen Erinnerungen …“ weiterlesen

Ausgelöschte Augen wie trübe

Echolot 164
– zum gleichnamigen Buch von W. Kempowski – 2011

50 x 180 cm, Finkhofwolle, Haselzweig

Im Echolot von Walter Kempowski hatte ich auf Seite 164 die Beschreibung eines Todesmarsches gelesen und dann diese Figur gefilzt.

„Wir weinen nicht, wir fluchen nicht, wir trauern nicht. Unsere Gesichter sind schwer zu erkennen in der aschfahlen Haut. Zwischen den spitz hervorstehenden Knochen unserer Wangen liegen die ausgelöschten Augen wie trübe, schlammgefüllte Löcher. Die letzten Tage, die hinter uns liegen, lassen uns nicht mehr daran glauben, daß wir noch leben.“ „Ausgelöschte Augen wie trübe“ weiterlesen

Auf einem weiten Feld

Kleines Totenfeld

zu Hesekiel 37, 1-10
2012
200 x 100 cm, Finkhofwolle, Maiswurzeln

Jedes Jahr wird hier in Maintal in der Osternacht der Hesekiel-Text vom Totenfeld gelesen. Jedes Jahr hatte ich dieses Bild genau vor Augen. Im April 2012, wenige Tage nach der ersten Kollektiven Performance zum Gedenken an den Todesmarsch, der im März 1945 von den Frankfurter Adlerwerken nach Hünfeld führte, sah ich auf einem umgepflügten Acker diese wie Gebeine aussehenden Maiswurzeln und schnitt sie zurecht. Sie liegen auf einem dicken, dunkelbraunen Filz. „Auf einem weiten Feld“ weiterlesen