,,Gott hat den Menschen heil und ganz gemeint.“

Apocalypse und Luther zusammengefügt. Apocaluther. So entstand der Titel für ein Musiktheater über das Leid der Welt. Darüber, woher das Leid kommt und wie es endlich aufhören kann.

Luther klopft bei Pfarrerskindern ans Fenster. Er findet gut, was sie über die Welt denken. Mit ihrer Hilfe – vor allem: mit ihren Handies und denen ihrer Freunde – will er fünf Thesen über die Heilkraft der bedingungslosen Liebe in alle Welt schicken.

Das Stück entstand zum Reformationsjubiläum 2016. Denn in der Welt sieht es nicht wesentlich besser aus als vor mehr als 500 Jahren – und die Menschen fürchten immer wieder apocalyptische Zustände.

„Die Liebe Gottes hat enorme Kraft. Sie bringt in Bewegung und voran. Sie bringt alles zurecht.“ Diese Botschaft könnte auch neuen Wind in die Kirche bringen.

Luther hat sich die Welt lange genug von der anderen Seite aus angesehen und bemerkt: Die Apocalypse ist bereits in schrecklichster Form vielfältig dagewesen. Mehr davon wäre absolut sinnlos. Das Paradies auf Erden ist möglich. Doch die Menschen haben in der Hand, ob das gelingt.

Die ganze Geschichte in wenigen Minuten.

Die Kinder, denen Luther begegnet, wissen das ebenfalls, aber es hört ihnen niemand zu. Zusammen mit den Kindern und über ihre Handies verbreitet Luther fünf fehlende Thesen in der Welt, nämlich über die Heilkraft der bedingungslosen Liebe Gottes. Das bringt ihn erneut in Konflikt mit den Herrschenden. Denn ein heiler und ganzer Mensch stört das System.

Die ganze Aufführung.

Über das Stück:
Ein Musiktheater vom Metropolenrand arbeitet an der Subversion der Verhältnisse
Rezension von Heinz Markert

© 16.7.2016 Weltexpresso, mit freundlicher Genehmigung des Autors

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Apocalypse und Theodizee, diese zwei aufgeladenen und Problemlagen kennzeichnenden Begriffe, bilden die Diskussionsgrundlage für ein in Wort, Musik und Aufführungspraxis gelungenes Bühnenstück mit Darstellern unterschiedlicher Altersstufen und einem Instrumentalensemble, zu dem nicht zuletzt der Kinderchor den eigentlichen Glanzpunkt setzt.

Luther steigt durchs Fenster eines evangelischen Pfarrhauses ins 21. Jahrhundert.

Auch wer es – zum Agnostizismus tendierend – mit den Bindungen an religiöse Formate nicht gar so innig zu tun hat, während die biblischen Texte doch einiges Exemplarische zum Erbe der gefallenen Menschheit beizutragen haben, kann mit dem Aufgeführten ohne die normalerweise aufkommenden Widerstände über zweieinhalb Stunden mitgehen. Und dies mit einem Kinderchor, der voll durchhält. Text und Musik liefern keine süßlichen Gaben, die immer schon Gott und ewiges Leben oder Hölle im Besitz wissen und sich einer leidenschaftslos verbreiteten Botschaft hinzugeben bereit sind.

Theodizee, Theodor und Luther sprechen über das Leid der Welt und woher es kommt.

Die Strophen sind mit Realität und Wirklichkeit, mit Gesellschafts- und Kulturkritik, mit einer Verhandlung über die Weltlage durchsetzt, die sich im Aktuellen bewegt, sich nicht scheut, den Herrschenden die Leviten zu lesen, ohne aber holzschnittartig aufzutragen oder Propaganda für Jesus zu betreiben. Ulrike Streck-Plath hat für die Idee der Welterneuerung ganze Arbeit geleistet.

Die Eltern wundern sich über das Gemurmel im Zimmer der Kinder.

‚Welt nimmt schlimmen Lauf‘, – ‚wer lügt, liegt obenauf‘ (aus Lied 6)

‚Theodizee‘ ist auch der Vorname der Tochter aus dem Pfarrershaushalt, aus dem das Stück sich entwickelt – in dem es mit merkwürdigen Dingen zugeht, wie zu zeigen war -, in dem ganz wie in Familien üblich sich Generationen am Tisch verbal kreuzen. Für Tochter Theodizee (Anna Schiftner) und Sohn Theodor (Danny Ngando) ist es normal, die Apokalypse – im Licht der dauernden Katastrophe Weltgeschichte – und das Theodizeeproblem (der Versuch der Rechtfertigung Gottes vor den Übeln in der Welt/‘Wie kann denn Gott das bloß zulassen?‘) als anziehende, sich immer wieder neu aufschließende Interpretationsmuster der Universalgeschichte und der denkbaren Gott-Mensch-Beziehung zu erörtern.

Theodizee: „Die Menschen denken, dass da nur Luft wäre.“ Luther: „Und wo hört sie auf, die Luft?“

Die große Anzahl schneidender Strophen der zehn Lieder sind keine religiösen Erbauungsmittel, es wird vom Jetzt gehandelt, auch vom Gestern im Heute, das fort west, aufgrund von alten Gruppen, die über die Jungen befinden, wie im Brexit. Gerade erst hat Finanzminister Schäuble die Lockerung der Rüstungsausfuhrbestimmungen gefordert. „Waffen werden produziert  und verkauft und transportiert  und dann werden unverdrossen  Menschen totgeschossen. Schiffe fahren auf dem Meer,  bringen viele Menschen her.  Kinder sterben in den Fluten.  Väter weinen,  Mütter bluten.  Wie viel Fremde  dürfen rein?  Wer darf nicht mehr  bei uns sein“. (aus Lied 1 nach der Broschüre)

Die Freunde sind da. Alle bereiten sich gemeinsam aufs Verbreiten der fünf vergessenen Thesen vor.

Ganz klar, das Stück legt sich mit den Herrschenden und ihren Praktiken an, auch Luther, auf den zu kommen ist, hält sich da nicht raus. Der Schluss mündet in den Showdown, wenn die Herrschenden selbst nicht mehr können, während die andern nicht mehr wollen wie jene möchten und sie daher den Bankrott der alten Praktiken und das Ende der bisherigen Geschichte eingestehen. Die Herrschenden arbeiteten nämlich immer mit Druck gegen die Gesundung und Heilung der Welt, indem sie Bedingungen schufen, die von Angst, Furcht und Einschüchterung durchherrscht waren. „Diese Angst hält uns mächtig“.- Geliebt wird nur, wer die gesetzten Bedingungen einhält.- „Zur Liebe gehören immer Bedingungen“. Nicht zuletzt aber ist es auch die Anonymität der Verhältnisse: „Niemand soll wissen, wie es wirklich ist. Das ist die Ordnung“.  (S. 31 des Text- und Liedbuchs)

Die Kinder tippen die Thesen in ihre Handies ein.

‚Apocaluther‘ entstand nicht zuletzt aus dem Umstand, dass seit Luthers Wirken 500 Jahre vergangen sind. Luther konnte dem Inhalt der Apokalypse (‚Offenbarung des Johannes‘) nicht gar so viel abgewinnen.

Die Apokalypse war für ihn Vergangenheit, Jesus hatte schon die Zeichen der großen Veränderung gesetzt; dennoch: „In der Welt sieht es nicht wesentlich besser aus als vor 500 Jahren – und die Menschen fürchten immer wieder apokalyptische Zustände“. (Zitat aus der Ankündigung) Lasen wir darüber nicht eben erst in der Zeitung? ‚Von Terror bis Einsamkeit: Eine Studie zeigt, wie sehr die Furcht der Deutschen wächst‘, so titelte die Frankfurter Rundschau (13.07.2016).

Luther übernachtet im Pfarrhaus. „Träum von einer Welt, voll Frieden und voll Glück.“

Zum Plot der Geschichte: Luther entschließt sich, die 95 Thesen (aus dem Jahr 1517) um 5 hinzukommende zu erweitern, fünf, zu denen er in seiner damaligen Lebenszeit fortzuschreiten noch nicht imstande war. Um diese Thesen in die Welt zu bringen und endlich den alten Adam in die Wüste zu schicken, braucht es die Kinder, denn von diesen weiß der Weise: sie haben den gnadenlos unverstellten, analytischen Blick auf die Welt der Erwachsenen, wissen genau Bescheid, was darin fehlfunktioniert und warum. Denn sie sind ursprüngliche Philosophen, wie Schopenhauer erkannte.

Luther vor dem Tribunal der MDWAZ, der Mächtigen der Welt aller Zeiten. „Was wollen Sie hier auf der Welt, wo Sie doch schon so lange tot sind?“

Die Kernthese

„Ich habe mir die Welt von der anderen Seite fast 500 Jahre angesehen. Viele Kriege fanden statt, einer schlimmer noch als der andere. Ganze Völker wurden vernichtet. Ich will das nicht alles aufzählen, was zu sehen war. All diese Diktatoren, Menschenverachter, Familientyrannen! Doch als wäre das noch nicht genug gewesen, haben die Menschen weiter Angst vor der Apokalypse“. Die Mittel und Möglichkeiten der befreiten Welt liegen aber längst bereit (S. 27 des Text-und Liedbuches)

Die Kinder haben Hilfe herbeigerufen.

Also steigt Luther in das irdische Tal hinab und über das Fenster hinein in den Theologenhaushalt, trifft dort auf die überraschten Kinder Theodor und Theodizee. Natürlich lebt die Situation von dem Kontrast der unterschiedlichen Sprache zwischen Luther und Kindern. Das Internetzeitalter ist für Luther schon kein Unbekanntes mehr, er sieht es als Mittel, seine Kampagne mit den über die Weltlage und ihre Ungereimtheiten wohlinformierten Kinder einzuleiten und die Menschen zur Überwindung der verwalteten und verunstalteten Welt (und deren Hintermänner) zu führen.

Die persönliche Ein-Gott-Beziehung und die ungeteilte Liebesreligion – niemand wird aufgegeben, fallengelassen oder ist verdammt – sind die konsequenterweise höchsten Begriffe des Stückes. Sie sind nebenbei auch das Alleinstellungsmerkmal unter den Religionen. Für die berechtigterweise Skeptischen kann der Kompromiss lauten: Gemeinsamkeit und Verbundenheit aller Wesen und Dinge, die Fehlbaren und Gefallenen können mitgerettet werden.- Der Präsident der Luther-Gesellschaft, Johannes Schilling, der zur Einführung des Musiktheaterstückes schrieb, betont, dass Luther „die Erkenntnis Gottes und des Menschen immer zusammengedacht“ hat (‚Apocaluther‘ – Zur Einführung). Die Reformation Luthers setzt auf Diesseitigkeit, auf aktive Veränderung menschlicher Verhältnisse. Sie birgt einen die Gesellschaft verändernden Impuls, der das Musikstück vorantreibt.

„Das da, dieses absolute, radikale Getragensein ist immer und ewig einfach da.“

Bedingungslose Liebe heißt nicht, sich alles gefallen zu lassen

Johannes Schilling: „Luther ermutigt den auf sich selbst bezogenen – er sagt: den in sich selbst verkrümmten – Menschen dazu, sich aus seiner Selbstbezogenheit befreien zu lassen und furchtlos ins Leben zu gehen“. Im Stück tritt Luther ein, um sich mit den Kindern zu verbünden, sein Plan mündet mit Hilfe der Kinder im Standgericht (nach der Pause) über die Mächtigen der Welt, es endet bravourös und argumentativ überwältigend mit Hilfe der bisher fehlenden Thesen in der Gründung der Neuen Erde. Die Kinder schalten sich mit Invektiven dazwischen, stellen die 5 Thesen auch ins Internet – Luther runzelt die Stirn. Oft wird aufgelacht, wenn die Kinder pointiert sprechen.

Der eintretende Engel liest nach den etlichen martialischen Momenten, in denen es hart auf hart geht, schließlich den Handlangern der Machthaber aus Briefen ihrer Eltern vor – denn Eltern sind die unglücklichen Scharniere und Schaltstellen zur Erhaltung der Verhältnisse, das ist die These. „Wir sind erschüttert über das, was auf der Welt passiert […] Doch wir sind nicht mehr da. Wir können nichts mehr verändern. Das könnt jetzt nur noch Ihr selbst“. (S. 35 des Text- und Liedbuchs)
Das Musiktheater besticht, weil es keine verbalen und mentalen Peinlichkeiten aus dem Lager des Religionsbekenntnisses unter die Leute bringt. Die Kinder halten ihren Part bis zum Schluss – immerhin über mehr als zwei Stunden – meisterhaft in Gang, geleitet von Ulrike Streck-Plath. Apocaluther hat das Zeug für die große Öffentlichkeit. Der Güte wegen und weil es funktioniert.

Der Kinderchor Dörnigheim mit Bürgermeisterin Monika Böttcher (dritte von rechts) und Bernd Böttner, Propst des Sprengels Hanau (vorne Mitte).

Apocaluther
Für Kinderchor, erwachsene Darsteller und Ensemble (Klavier, Geige und Cello) – ist erschienen im Strube-Verlag München, VS 9178 und 9178/01